Zürichsee

Das Fährenpuzzle nimmt Form an

Die neue Zürichsee-Fähre wächst aus einem riesigen Bausatz zum Ganzen. Alle Teile sind aus der Werft in Linz an der Donau eingetroffen. Auf Deck wird geschweisst, geschliffen und gehämmert, im Rumpf werden Leitungen und Kabel verlegt.

340 Tonnen Stahl werden mit Muskelkraft aus der Werfthalle gerollt. Es wird gehämmert, montiert und verbunden. Eine Zürichsee-Fähre entsteht.
Video: Christian Dietz-Saluz

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Die neue Fähre füllt schon die ganze Halle der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft in Wollishofen. Rund 340 Tonnen wiegt sie bereits – und kann doch mit Muskelkraft geschoben werden. Die Männer stemmen sich gegen die Rollwagen, auf denen die Fähre thront. Langsam streckt sie ihren grauen, 60 Meter langen Rumpf ins Freie als ob sie sich ans Sonnenlicht gewöhnen müsste. Die Arbeiter ächzen, die Räder quietschen auf dem Gleis.

So weit fertig gestellt wie jetzt war die Fähre schon Ende März. Damals stand sie komplett in der ÖSWAG-Werft im österreichischen Linz. Dann wurde sie wieder zerlegt. 17 Schwertransporte durch die Nacht waren nötig um das Schiff auf der Strasse über 650 Kilometer von der Donau an den Zürichsee zu bringen. Am Mittwochmorgen kamen die letzten Teile an: Fahrgastraum, die beiden Führerkabinen und zwei Schraubenruderantriebe. Weil nur unter freiem Himmel der Kran seine Ladung punktgenau absetzen kann, musste die Fähre aus der Halle raus.

«Stop» — «hoch» — «ab»

Im Vergleich zu den mittleren Rumpfsektoren, die bis 36 Tonnen wogen, war das Finale für den Pneukran ein leichter Lupf. Aber die Präzision ist jedes Mal die grösste Herausforderung. Die Teile müssen ums Eck der Werfthalle gehievt und millimetergenau auf die Löcher und Nuten gesetzt werden.

Kranführer und Schiffsbauer harmonieren. «Stooopp, hoch» – «aaaaaab!» Den kurzen Rufen der Arbeiter, die am Boden knien und mit Augenmass und Schubsen die 3,5 Tonnen schweren Führerstände am Haken einpassen, fehlt jegliche Hektik oder Aufregung. Als ob es ein Spiel wäre, die schwebende Last auf den Millimeter genau abzusetzen. Noch ein Kommando fehlt: «Paaaaast». Als es ertönt, werden die Ketten gelöst, der Kran schwenkt ab. Sofort beginnen die Anschluss- und Schweissarbeiten.

Mit Röntgen geprüfte Nähte

Freitagvormittag, die Fähre steht wieder unter Dach. Jeder Hammerschlag, jedes Schleifgeräusch hallt Ohren betäubend wider. Orangene Funken stieben, grellblaues Schweisslicht flackert. Der Stahldraht schmilzt bei rund 1400 Grad und verbindet die Metallteile. Nach dem Abschleifen der Schweissnaht ist die Fläche so plan, als ob die Teile aus einem Stück gewalzt worden wären.

«Alle Schweissstellen im Rumpf sind bereits mit Röntgen geprüft worden», sagt Reinhard Rath. Der Produktionsleiter der ÖSWAG ist zufrieden mit dem Werk seiner Leute. Bis zu 18 Facharbeiter aus der Linzer Heimatwerft sind hier gleichzeitig tätig. Stahlbauer und Schweisser werden nun seltener gebraucht, jetzt kommt die Zeit der Installateure, Schlosser, Motorenfachleute und Elektriker. Im Bauch der Fähre zeigt sich am besten, wie weit fortgeschritten die Montage des Schiffs schon ist. «Achtung auf den Kopf», warnt Rath beim Rundgang im knapp mannshohen Rumpf. Er legt seine linke Hand auf das Herzstück: «8 Zylinder-Dieselmotor, gibt bei 1800 Umdrehungen 544 PS ab.» Der Motor treibt auch den Hydraulikgenerator an, der die elektrische Energie liefert. Die Antriebswellen zu den Schraubenruderantrieben liegen bereit zum Einbau.

«20 000 Liter», sagt Rath und tätschelt im Vorbeigehen den Dieseltank. Rohre und Leitungen ziehen sich durch den ganzen Rumpf. Die Steuerungskästen für Lüftung und Elektrik sind eingerichtet. «Alles schon in Linz eingebaut, jetzt müssen die Module nur noch verbunden werden.» Ein Installateur presst die Muffe eines Kupferrohrs zu – wieder ist eine Leitung verbunden, die Adern der Fähre wachsen zusammen. «Nur noch die Kabel fehlen», erklärt der Schiffsbauingenieur. «Das machen ab nächster Woche die Elektriker.»

Tag der Wahrheit naht

Reinhard Rath ist für nur einen Tag nach Zürich gefahren um sich einen Überblick zu verschaffen. Auf dem Deck, wo ab 24. September bis zu 60 Autos stehen werden, sieht er sich langsam drehend um – und schweigt. Soll heissen: Es läuft gut. «Wir sind genau im Zeitplan», sagt er, als ob er die Frage geahnt hätte. «Wir finden hier in der ZSG-Werft aber auch perfekte Bedingungen vor», lobt er das Umfeld.

Rath zitiert eine Weisheit im Schiffsbau: «Sünden und Fehler bleiben nie geheim.» Er und die ÖSWAG hätten stets gute Erfahrungen gemacht im Schweizer Markt. «Umso mehr bemühen wir uns, alles reibungslos und pünktlich zu liefern.» Im Fall der neuen Zürichsee-Fähre ist das der 3. August. Dann ist der Tag der Wasserung gekommen– und der Moment der Wahrheit. Denn die Qualität eines Schiffs zeigt sich nicht im Trockenen einer Werft sondern erst, wenn es schwimmt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.05.2017, 17:15 Uhr

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