Zürichsee

Volldampf gegen die Eisenbahn

Die Zürcher Dampfboot-Aktiengesellschaft entstand 1890 aus der Sorge, die Schifffahrt auf dem Zürichsee könnte von der Eisenbahn verdrängt werden. Nun feiert die ZSG ihr 125-Jahr-Jubiläum.

Ein Bild aus dem Gründungsjahr der ZSG: Eine Dampfschwalbe ist bereit zur Abfahrt am Zürcher Stadthausplatz (heute Bürkliplatz).

Ein Bild aus dem Gründungsjahr der ZSG: Eine Dampfschwalbe ist bereit zur Abfahrt am Zürcher Stadthausplatz (heute Bürkliplatz). Bild: Archivbild ZSG

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Niemand konnte 1890 ahnen, dass die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft 125 Jahre später ein Jubiläum feiern würde. In der Tat war die Gründung der Zürcher Dampfboot-Aktiengesellschaft ein Wagnis und eine Kampfansage. Sie galt der Eisenbahn, die der erst 1835 mit der Minerva begonnenen Ära der Kursschifffahrt auf dem Zürichsee das Wasser ­abzuschöpfen drohte.

Man traute nämlich der Nordostbahngesellschaft, Gründerin der linksufrigen Eisenbahn, nicht über den Weg. Diese hatte den gesamten Schiffspark auf dem Zürichsee zusammengekauft. Was, wenn die Nordostbahn plötzlich den Schiffsverkehr zugunsten ihres Kerngeschäfts einstellte?

Seit 1903 Platzhirsch

Darum wollte die neue Zürcher Dampfboot-Aktiengesellschaft den Personenverkehr im unteren Seebecken sichern. Zu diesem Zweck liess sie neun Schraubendampfer bauen. Diese «Dampfschwalben» gewährleisteten den Nahverkehr zwischen Zürich-Rathausbrücke und Wollishofen sowie Tiefenbrunnen als auch nach Thalwil und Küsnacht.

Das Geschäft florierte. 1894 übernahm das junge Unternehmen die Dampfbootgesellschaft Wädenswil und besass mit zwölf Schiffen nunmehr die grösste Flotte der Schweiz. 1903 folgte die nächste Erweiterung. Die Bundesbahn schluckte die Nordostbahngesellschaft. Ironie des Schicksals: Die Schiffe der Konkurrentin gingen somit in den Besitz der Zürcher Dampfboot-Aktiengesellschaft über. Seither ist sie der Platzhirsch am Zürichsee.

Eine grosse Ära

Mit der Nordostbahn-Flotte wechselte auch das grösste Schiff den Eigentümer. Der 1875 gebaute Raddampfer Helvetia konnte 1200 Personen befördern. Während die Helvetia 1964 verschrottet werden sollte, blieb zwei anderen Schiffen dieses Schicksal erspart: Die beiden Raddampfer Stadt Zürich (Baujahr 1909) und Stadt Rapperswil (1914) sind ­heute noch Aushängeschilder der weissen Flotte am Zürichsee.

Den Ersten Weltkrieg (1914–1918) und die Zwischenkriegszeit überlebte die Gesellschaft nur mit grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Nach und nach wurden die dampfbetriebenen Schiffe durch Motorschiffe ersetzt. Frischen Wind in die Flotte brachten die neuen Schwalben, die anlässlich der Landesausstellung 1939 angeschafft wurden.

Nach dem Krieg schritt die Erneuerung zügig voran. Mit dem Motorschiff Linth ging 1952 das erste dreistöckige Schiff auf dem Zürichsee in Betrieb. 1957 gesellte sich das MS Säntis zur Flotte. Die Modernisierung kostete den alten Namen: Aus der Zür­cher Dampfboot-Aktiengesellschaft wurde 1957 die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG).

Nicht gegen Bahn verloren

1958 nahm das neue MS Limmat den Betrieb auf, 1964 stach das MS Helvetia in See, 1968 folgte das MS Wädenswil. Den grössten Erneuerungsschub erlebte die ZSG zwischen 1992 und 2001. In dieser Periode wurden die Limmatboote Regula, Felix und Turicum, die Panoramaschiffe Albis, Pfannenstiel und Uetliberg sowie die Querverkehrsschiffe Zimmerberg und Forch angeschafft. Bisher letzte Errungenschaft ist das neue Flaggschiff Panta Rhei, das 2007 in Dienst gestellt worden ist.

Heute umfasst die ZSG-Flotte 17 Schiffe. Rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen dafür, dass im Sommerfahrplan täglich durchschnittlich 1000 Kilometer auf dem Zürichsee gefahren und jedes Jahr 1,7 Millionen Passagiere befördert werden.

Das hat auch mit einem weiteren Meilenstein in der Geschichte zu tun. Just zum 100-Jahr-­Jubiläum wurde die ZSG 1990 in den neuen Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) integriert. Seither ­erfüllt sie eine Doppelfunktion. Sie ist sowohl öffentliches Verkehrsmittel als auch eine Erlebniswelt, in der Zeit eine zweitrangige Rolle spielt. Spätestens mit dem ZVV ist der Behauptungskampf gegen die Eisenbahn entschieden. Die ZSG hat ihn nicht verloren – und im Querverkehr von Ufer zu Ufer ist sie sogar schneller als die S-Bahn. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.03.2015, 08:46 Uhr

Hans Dietrich, Direktor der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). (Bild: Manuela Matt)

Nachgefragt

Wie hat sich der Auftrag der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft in 125 Jahren verändert?

Hans Dietrich: 1890 hatte die Gesellschaft einen reinen Transportauftrag. Heute erfüllt die ZSG sowohl ein Erlebnisangebot als auch eine Erschliessungsfunktion im täglichen Personenverkehr.

Tourismus oder öffentlicher Verkehr: Was ist für die ZSG wichtiger?

Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wir führen ein touristisches Angebot und sind zugleich ein normales Transportmittel mit dem Zusatzfaktor «Zeit». Denn heute mit globaler Kommunikation, Internet und anderem ist es wichtig, auch etwas Entspannendes, Gemütliches anzubieten, etwas, das sich von der Hektik dieser Welt unterscheidet. Darum glauben wir auch, dass wir mit den Erlebnistouren eine attraktive, zeitgemässe Kombination anbieten.

Welche Rolle spielt die ZSG im Zürcher Verkehrsverbund?

Wir sind die Perle im ZVV! Nein, ich will nicht übertreiben. Wir sind ein kleines, aber wichtiges Mitglied im ZVV. Sonst wären wir nicht seit 25 Jahren dabei. Der ZVV ist unser wichtigster Partner. Die ZSG mit ihrem Freizeitangebot ist die ideale Ergänzung im ZVV.

Was müssen die ZSG-Schiffe heute im Alltag bieten?

Sicher Komfort, ein kulinarisches Angebot, und wir müssen mit dem Schiffsbetrieb auf veränderte Kundenbedürfnisse schnell reagieren können. Es braucht einen Mix zwischen Tradition und Innovation – die über 100-jährigen Dampfschiffe und moderne Schiffe. Mit diesem Mix fahren wir gut.

Welche «veränderten Kunden­bedürfnisse» meinen Sie?

Unsere Kundschaft geht weg vom reinen Transportauftrag hin zur Erlebnisfahrt. Darum hat die Gastronomie an Bord an Stellenwert enorm zugenommen, auch unsere «Traumschiffe» spiegeln die veränderten Kundenbedürfnisse wider. Das geht parallel zur Veränderung im Freizeitverhalten in der Gesellschaft: in Richtung Entspannung. Darum wird die ZSG wohl nie Schnellschiffe einsetzen. Wer schnell fahren will, nimmt die S-Bahn.

Was wäre die ZSG ohne die ­beiden über 100 Jahre alten Dampfschiffe Stadt Zürich und Stadt Rapperswil?

Die Dampfschiffe sind Magnete, für einen Teil des Publikums sind sie die Lieblinge unserer Flotte. Aber sie sind sicher mehr als nur Nostalgie. Sie sind Teil des normalen Betriebs. Ohne die Dampfschiffe könnten wir den Fahrplan gar nicht aufrechterhalten.

1958 wurde das Dampfschiff Helvetia, die «Königin des Zürichsees», ausgemustert. Das mutet heute wie ein Sakrileg an. Würde die Helvetia heute auch noch verschrottet?

Im Gegensatz zu damals ist die Sensibilität in der Öffentlichkeit heute viel grösser, um Denkmäler zu erhalten. Zur Erhaltung eines alten Dampfschiffes braucht es aber viele Idealisten und viel Geld. Das gelingt nur mit privater Initiative.

Lässt sich Nostalgie mit Wirtschaftlichkeit vereinen?

Die Dampfschiffe brauchen viermal so viel Brennstoff und doppelt so viel Personal. Jedes Ersatzteil ist eine Einzelanfertigung. Das ergibt ein wirtschaft­liches Problem: Niemand wäre bereit, den notwendigen Mehrpreis für eine Fahrt mit dem Dampfschiff kostendeckend zu zahlen. Ein Billett würde dann zwei- bis dreimal so viel kosten. Zum Glück trägt die Öffentlichkeit zum Erhalt der Dampfschiffe mit dem ZVV bei. (di)

Fest zum Jubiläum

An diesem Wochenende wird gefeiert

Am Samstag (12.30 bis 17 Uhr) lädt die ZSG zum Familiennach­mittag auf die Panta Rhei ein, die am Schiffsteg am Zürcher ­Bürkliplatz vertäut ist. Das Kinderbuch «Hannah, das Huhn», eine amüsante Oster­geschichte, wird um 15 Uhr getauft. Auf der CD singen und sprechen Sandra Studer, Viola Tami, Regi Sager und Marco Gottardi. Der Eintritt ist kostenlos. Reservationen sind nicht möglich.

Samstag, 28. März

12.30 – 17 Uhr: Restaurant an Bord

12.30 – 17 Uhr (14.50 – 15.50 Uhr Pause): Kinderprogramm mit Schminken, Tattoos, Ostereierbasteln, Malwettbewerb und Osterhasentanz.

13 – 15 Uhr: Wunschkonzert ­Radio Zürisee.

14 – 15 Uhr: Signierstunde mit Sandra Studer.

15 – 15.20 Uhr: Buch/CD-Taufe des Kinderbuchs «Hannah, das Huhn».

15.20 – 15.45 Uhr und 16.15 – 16.40 Uhr: Lesung aus «Hannah, das Huhn».

Sonntag, 29. März

Am Sonntagnachmittag (circa 13.30 – 17 Uhr) gehen zehn der ZSG-Schiffe zum 125-jährigen Bestehen auf eine Sternfahrt mit verschiedenen Ab- und Ankunftsorten und vereinigen sich dazwischen zur Flottenparade im Zürcher Seebecken. Auf einigen Schiffen kann man mitfahren (Ticketbuchung: www.zsg.ch/flottenparade). (zsz)

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