Umbau

Ein Haus, das mit den Bedürfnissen seiner Bewohner wächst

Ein zweimaliger Umbau in Winterthur zeigt, dass Häuser mit den Bewohnenden mitwachsen und neuen Wohnformen, wie zum Beispiel Patchworkfamilien- oder Mehrgenerationen-Wohnen, gerecht werden können.

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Ehen und Partnerschafen können auseinanderbrechen. Das ist für die Beteiligten zwar hart, aber eine Tatsache, mit der man sich über kurz oder lang arrangieren muss. Dass dadurch mitunter grosse Patchwork-Familien entstehen, kann punkto Wohnen zur Herausforderung werden.

So bei Rahel Gastberger und Urs Boner, die 2001 mit drei bzw. zwei Kindern aus ihren früheren Ehen zusammenfanden: Plötzlich ist da eine siebenköpfige Familie, die ein neues, gemeinsames Heim benötigt. «Es ist gar nicht so einfach, mit fünf Kindern etwas Passendes zu finden; die meisten normalen Einfamilienhäuser sind zu klein», sagt Rahel Gastberger. «Auch wenn die Kinder immer wieder bei den Ex-Partnern sind: Spätestens als Jugendliche benötigen alle ihr eigenes Zimmer.»

Um diesem Ziel gerecht zu werden, blieb dem Paar nur, ein bestehendes Haus zu suchen und es baulich an seine Wohnbedürfnisse anzupassen. Fündig wurden sie an der Heimstrasse 11 in Winterthur: 1908 als Zweifamilienhaus für klassische Vier-Personen-Familien erstellt, bestand es aus zwei übereinander liegenden Vierzimmer-Wohnungen und einem Zimmer im Estrich. Auch sein Äusseres war über rund hundert Jahre weitgehend unverändert geblieben: Die einst offenen Veranden wurden zwar verglast und ins Haus integriert, die von Ornamenten eingefassten Fenster blieben erhalten.

Nach Familien oder nach Geschlecht?

Nach der ersten Besichtigung im Herbst 2005 war Rahel Gastberger noch keineswegs überzeugt: «Erst als ich die Fotos noch einmal anschaute und sah, wie die Sonne auf den alten Parkettboden schien, habe ich das Potenzial des Hauses erkannt!» Innert einer Woche wurde der Kauf dann perfekt gemacht. Dabei war klar, dass das Haus nicht nur bautechnisch auf den neuesten Stand gebracht, sondern auch von der Nutzung her den Bedürfnissen der Patchwork-Familie angepasst werden musste, wofür Architekt Hannes Moos beigezogen wurde.

Zuvor aber musste sich auch die Grossfamilie Gedanken machen: «Wie sollten wir uns auf die Stockwerke verteilen: Nach Familien oder nach Geschlecht?», erinnert sich Urs Boner. «Wir entscheiden uns dann alle gemeinsam für letzteres.» So entstand beim ersten Umbau 2006 im Erdgeschoss ein «Bubenstock» mit drei Zimmern, einer «Bubenstube» und einem Büro für Rahel Gastberger, die als Lehrerin auf ein Arbeitszimmer angewiesen ist.

Im ersten Obergeschoss wurden Küche, Wohn-Essraum und Elternschlafzimmer untergebracht – sowie mit einem neuen Südbalkon ein wertvoller Aussenraum geschaffen. Das zweite Obergeschoss im Dach wurde isoliert und zu einem «Mädchenstock» umgebaut: Neben zwei Zimmern entstand ein gemeinsamer Aufenthaltsraum sowie ein zusätzliches WC.

Sieben Personen brauchen Platz

Zunächst wurde viel rückgebaut, das Haus quasi in den Urzustand zurück versetzt. Danach mussten Wände eingezogen oder verschoben werden, um taugliche Einzelzimmer zu schaffen. Und natürlich waren auch die beiden bestehenden Bäder auf den Treppenabsätzen zwischen den Geschossen renovationsbedürftig: Es entstanden ein Frauenbad und ein Männerbad. Neue Wasser- und Stromleitungen sowie die Ergänzung der Heizung machten diverse Anpassungen erforderlich.

Was Architekten nüchtern als Einbau einer Sanitärsteigzone bezeichnen, erlebte Rahel Gastberger anders: «Das Haus sah während des Umbaus aus wie eine Ruine: Es hatte überall Löcher in den Böden und Wänden», erinnert sie sich lachend. Erstaunlich ist allerdings, dass man heute davon nichts sieht: Viel alte Substanz – Türen, Täferwände, Platten- oder Parkettböden - blieb trotzdem erhalten.

Auch die Küche muss gross sein

Die bestehende Küche wurde geöffnet und mit dem Wohn-Essraum verbunden: «Unser Architekt hielt die gewünschte Riesenküche zunächst für übertrieben. Aber für sieben Leute zu kochen braucht Platz, zumal die Kinder gerne mithalfen», sagt Rahel Gastberger. Raum brauchen sieben Personen auch zum Essen - am extragrossen Familien-Esstisch – sowie für ihre Garderobe: Gleich neben dem Eingang wurde ein ganzes Zimmer dafür geopfert. «Dem zweifelnden Architekten haben wir dann vorgerechnet, wie viele Schuhe, Mäntel oder Jacken wir gemeinsam besitzen ...», sagt sie schmunzelnd

Plötzlich zu gross ... und jetzt?

Mit den Jahren wurden die Kinder flügge und ab 2010 begann deren Auszug. Bis 2016 keines mehr im Haus wohnte und die Eltern zu zweit in ihrem Zehn-Zimmer-Haus verblieben. «Wir überlegten uns, ob wir das Haus verkaufen sollen», erzählt Urs Boner. «Doch die ruhige, zentrumsnahe Wohnlage ist ideal und zudem leben einige der erwachsenen Kinder in der Nähe.»

Erneut tagte der Familienrat und fasste einen Beschluss: Die Lösung sollte nicht ohne, sondern mit dem Haus gefunden werden. Durch eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss sollte es den veränderten Bedürfnissen angepasst werden. «2016 wälzten wir das ganze Jahr Ideen und Pläne, bis wir Anfang 2017 Hannes Moos wieder ins Boot holten», sagt er. «Er kannte das Haus und seine alte Substanz ja bereits bestens.»

Entflechtung für die Privatsphäre

Die Abtrennung der Parterrewohnung verlangte nach besonderen Massnahmen: Einer verbesserten Schallisolation zwischen Erdgeschoss und erstem Obergeschoss zum Beispiel. Anderes, wie etwa eine Abtrennung der Erschliessung der oberen Geschosse über das Treppenhaus, habe vom Architekten «viel Grips erfordert», wie Urs Boner sagt.

Durch Glaswände (die die Optik der alten Substanz und den Lichteinfall nicht beeinträchtigen) sind die oberen Stockwerke nun re-privatisiert; auch die alte Glastür zur neuen Einliegerwohnung blieb erhalten, aber blickdicht gemacht.

Und schliesslich erhielt die Wohnung einen direkten Gartenzugang. Dieser wurde wegen der Privatsphäre aber nicht einfach unter dem bestehenden Balkon auf der Südseite, sondern auf der Westseite platziert. Die Treppe, die nun von der Küche aus in den Garten führt, besteht aus normalen sowie aus Sitzstufen, so dass man sich dort auch mal für einen Kaffee hinsetzen kann. Flexibel und multifunktional ist auch ein halbhoher Küchenkorpus. Er steht auf Rollen, kann nach Bedarf verschoben werden und als Bar dienen.

Raffinierte Lösungen auf engem Raum

Eine Einliegerwohnung benötigt natürlich auch ein eigenes Bad (samt Waschturm). Man verkürzte dafür den Wohnraum – ohne dass dieser nun klein erscheinen würde. Und durch einen äusserst raffinierten, ausziehbaren Garderobenschrank konnte im Arbeitszimmer nicht nur Stauraum geschaffen, sondern gleichzeitig sogar ein Gäste-WC abgetrennt werden. Dennoch bleibt erstaunlich viel Platz fürs Büro.

Die neue Wohnung ist übrigens bereits bewohnt: Gerade erst ist die älteste Tochter mit ihrem Partner eingezogen. Und die flexible Wohn-Geschichte ist noch nicht abgeschlossen: Rahel Gastberger und Urs Boner können sich gut vorstellen, aufs Alter selber ins Parterre zu ziehen und ihre grössere Wohnung dereinst «einer jungen Familie mit Kindern zu überlassen». Damit wäre der Schritt zum Mehrgenerationen-Wohnen definitiv vollzogen.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 04.01.2018, 09:35 Uhr

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