Zürich

Neue Kunstmonde für die Stadt

«What Do You Do for Money? Some Joint Ventures» ist ein guter Titel für die Manifesta 11 in Zürich, es geht an der Biennale für zeitgenössische Kunst um Arbeit und das Glück.

Seltsame Verknüpfungen: Der russische Künstler Evgeny Antufiev hat in die Wasserkirche einen Schmetterling hingehängt – und macht aus dem Ort einen ewigen Garten.

Seltsame Verknüpfungen: Der russische Künstler Evgeny Antufiev hat in die Wasserkirche einen Schmetterling hingehängt – und macht aus dem Ort einen ewigen Garten. Bild: Stefan Busz

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An diesem Morgen ist Zürich, wie die Stadt kurz nach acht Uhr immer ist: busy. Die Menschen gehen den Sachen nach, die sie an diesem Tag machen müssen. Und nur wenige denken wohl an ein Warum – eben business as usual. Man trägt Aktenkoffer. Und macht Geld.

Doch jetzt gibt es einen Übergang in einen anderen Zustand: What People Do for Money?, fragt die Manifesta. Und mit dieser Frage wird alles zur Kunst, was die Menschen in ihrem Leben so mit sich tragen. Denn an diesem Morgen gibt es einen ersten Einblick in die 11. Ausgabe der Europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst, die jetzt in Zürich für 100 Tage ihren Ort hat. Es war Preview Day. Ab Samstag öffnet sich die Manifesta auch dem grossen Publikum.

Veranstaltungsorte sind Löwenbräukunst an der Limmatstrasse und das Helmhaus am Limmatquai, dazu das Cabaret Voltaire, das jetzt auch ein Zunfthaus der Künste ist. Neben diesen Hotspots kommen mit der Manifesta aber weitere Punkte auf der Kunstlandkarte der Stadt hinzu. Zum Beispiel der Pavillon of Reflections beim Bellevue am Utoquai. Hier trägt man die Manifesta-Baumwolltasche.

Ein Fest für die Kunst

Die schwimmende Plattform auf dem See wird in den nächsten hundert Tagen der Gegenpol zum geschäftigen Zürich sein. Der Pavillon ist so etwas wie die Public- Viewing-Zone für Kunstmenschen. Im Open-Air-Kino wird gezeigt, wie die Projekte für die Manifesta entstanden sind. Sogenannte Art-Docs geben Einblicke in «Produktion, Präsentation, Interpretation» der entstandenen Werke. Und wem das alles zu sehr abstrakt ist, geht einfach an die Bar und trinkt die Kunst-Suffixe weg. Oder taucht im Bassin vor den Leinwand ab. Zur Reflexion gehört an der Manifesta auch das Relaxen. Sie ist, kurz gesagt, das Sommerfest für die Kunst.

Vom Oberdeck des Pavillons ist auch die Installation des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan zu sehen: Er lässt einen Rollstuhl über den Zürichsee gleiten. Mit von der Partie: die paralympische Sportlerin Edith Wolf-Hunkeler. Diese Arbeit geht auf die Kernidee der Manifesta zurück: Sie bringt Menschen aus der Berufswelt mit Menschen aus der Kunstwelt zusammen. Ganz einfach: Künstler trifft Gast.

Gemeinsam arbeiten sie an einem Projekt. Dreissig solcher Satelliten sind jetzt in der Stadt entstanden, und alle erzählen von der Komplizenschaft von Kunst und Alltag. Die Adressen reichen über das ganze Stadtgebiet und darüber hinaus, von der Feuerwehr Stadt Zürich Schutz & Rettung über eine Zahnarztpraxis, diverse Imbissbuden oder den Friedhof Enzenbühl bis zum Klärwerk und Kampfkunststudio. Alles ist zu besichtigen, und alle kooperien mit allen: Shelly Nadashi mit einer Literaturlehrerin, Marguerite Humeau mit einem Ingenieur für Robotik, John Arnold mit Spitzenkoch und Frittenbudenbesitzern. Kurz: Jeder Ort erschliesst sich neu durch die Kunst inklusive Hundefriseursalon in einer angesagten Galerie.

Auf Pilgerfahrt

Ein Satellit ist ein Kunstmond, der weit draussen seine Kreise zieht. Im Kunstuniversum Zürich ist aber vieles in Gehdistanz. Neue Werke werden auch im Helmhaus gezeigt, es ist neben der Löwenbraukunst ein Anziehungspunkt der Manifesta. Hier bündelt sich vieles, was sonst überall verstreut ist.

In der Wasserkirche zeigt zum Beispiel der russische Künstler Evgeny Antufiev Objekte der Erinnerung. Ein grosser Schmetterling hängt im Kirchenraum, dies als Hommage an den grossen Schmetterlingssammler und Schriftsteller Vladimir Nabokov. Der Grossmünster-Pfarrer hat dem Künstler die Kirche für diesen «Eternal Garden» geöffnet, hier findet sich auch eine Hotelquittung für eine Übernachtung für Antufiev in einer Suite des Montreux Palace Hotel, wo Nabokov residierte – Vergänglichkeit hat immer ihren Preis. Aber was tut man nicht alles für Geld.

Kopf und Hand

Ein Echo auf die Installation gibt es dann im ersten Stock des Helmhauses, Antufiev bringt im Bild künstlerische Lieblingsorte zueinander. Wer solchen Spuren nachgeht, kommt weit – die Manifesta schafft sich ganz eigene Assoziationsräume. Daneben Ableger von anderen Satelliten: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat sich in der Hirslanden-Klinik durchleuchten lassen – im Helmhaus hängen nun künstlerisch verfremdete Röntgenbilder seines Kopfes und seiner rechten Hand. Schön auch die Porträts des chinesischen Künstlers Yin Xunzhi einer Schweizer Flugbegleiterin, die die Strecke Zürich–Peking fliegt – in ganz verschiedenen Malstilen steht sie da, nach Modigliani oder im China-Look. Und manches ist am ersten Preview Day noch gar nicht da. An einer Wand steht in krakeliger Schrift: «Here need to be monitor, but manifesta don’t find monitor, sorry maybe tomorrow».

Es geht hier um eine Ausstellung, die sich immer weiterent­wickelt. Historische Positionen stehen hier neben Fragen der Gegenwart. Die Zusammenhänge erschliessen sich dann vielleicht mit der Zeit auf dem Weg vom Hundefriseursalon bis zum Friedhof und immer weiter. Bevor wir aber den ganzen Stationenweg der Manifesta gehen können, kommt natürlich immer die Pressekonferenz.

Es ist ein Grossereignis. Und deshalb gibt es auch grosse Worte im Kaufleuten, über Kulturkonsum und Gesellschaft oder so. «To work or not to work» sei die grosse Frage, sagt Hedwig Fijen, die Manifesta-Direktorin. Und Stadtpräsidentin Corine Mauch hofft, dass es durch die neue Form der Kulturvermittlung gelingt, auch neues Publikum zu gewinnen. «Künstlerische Reflexion ist für die Gesellschaft sehr wichtig.» Und sie sagte auch, dass Zürich, die Schweiz kulturell sehr wohl zu Europa gehöre. Die Frage nach dem Glück

Dann Auftritt des Künstlers Christian Jankowski, der die Manifesta kuratierte – notabene ist es das erste Mal in der Geschichte der Biennale, dass ein Künstler das Konzept entwarf. Er sagte, dass für ihn die Manifesta gelungen sei, wenn sich die Leute etwas anschauen und dabei etwas entdecken, das sie glücklich macht. Er sagte auch, dass man nicht alle glücklich machen könne. «Aber ich möchte alle glücklich machen.» ()

Erstellt: 10.06.2016, 14:28 Uhr

Christian Jankowski, Kurator Manifesta 11

Hinreissender «Zürrealismus»

Ihr Thema für diese Manifesta ist Arbeit. Was bedeutet das?
Christian Jankowski: Mein Thema ist nicht Arbeit – mein Thema ist Kunst und die Frage, was Arbeit von Nichtkünstlern tun kann, um die Arbeit der Künstler zu bereichern.

Ihre Idee dazu: 30 sogenannte Satelliten-Werke. Dabei haben Künstler mit Berufsleuten, die nichts mit Kunst zu tun haben, ­zusammengearbeitet. Was ­haben Sie daraus gelernt?
O!? Zum Beispiel, was passieren kann zwischen Begriffen, wenn Leute zusammenkommen mit unterschiedlichem Vokabular.
Das müssen Sie genauer erklären.
Was mich wirklich total erfreut hat und was ich ein kolossales Werk finde, ist das der Kantonspolizei Zürich, die mit Marco Schmitt einen Film gedreht hat. Wie weit sich die Polizisten auf den «Zürrealismus» eingelassen haben, das war einmalig!

Sie meinen: den «Surrealismus»?
Nein, «Zürrealismus». «Zürreal» – der Begriff kommt von den Polizisten. Er fiel ihnen bei der Arbeit mit dem Künstler ein, der immer vom «Sürrealismus» sprach.

Sie tönen richtig begeistert.
Die Kantonspolizisten haben mitgeholfen, ein zeitgenössisches Kunstwerk zu schaffen, das extreme Schlagkraft hat – und das extrem vielschichtig verstanden werden kann! Den Mut und auch die Professionalität mit denen, die das durchgezogen ­haben, finde ich absolut bemerkenswert, und ich sehe das als einen tollen Liebesbeweis an die Kunst. Liebe Kantonspolizei Zürich, ich mache alles für euch!

Hat unsere Kantonspolizei eine surreale Seite?
Sie hat durch diesen Film entdeckt. Es geht ja darum, dass ein surrealistischer Film – «Der Würgeengel» von Luis Buñuel – nachgedreht worden ist. Polizisten kommen nicht mehr aus ihrer Wache heraus und werden so in andere Sphären überführt. Das ist eine wunderschöne Metapher für die ganze Manifesta. Wir wollen dazu animieren, neue Erfahrungen zu machen, und das kann man nur, indem man seine Kästen, seine vier Wände, seinen Kopf verlässt.

Dieser «Satellit» stellt somit Ihre Hauptempfehlung dar?
Eine Hauptempfehlung kann es nicht geben. Wenn man Arzt ist, gefällt einem wohl die Houellebecq-Arbeit am besten. Wenn man Kampfsportler ist, gefällt einem sicher die Arbeit von Matyas Chochola gut, der sich mit einem Kickboxer zusammengetan hat. Sonst als Sportler interessiert man sich vielleicht für die Arbeit von Maurizio Cattelan mit einer Para-Olympionikin, die im Rollstuhl über den See fährt. Jeder soll seinen eigenen Zugang finden. Thomas Marth

Manifesta 11

Die Manifesta ist mehr als eine Ausstellung, sie ist eine Haltung: Die Zürcher Ausgabe, die vom 11. Juni bis 18. September dauert, ist eine Art kollektives Experiment, «das der Frage der städtischen Identität anhand von Begegnungen ihrer Einwohner nachgeht». Nachgehen ist ein gutes Stichwort, denn der Kunstraum, den die Manifesta 11 erschliesst, ist immens. Er reicht von den Hotspots Helmhaus und Löwenbräukunst in das ganze Stadtgebiet – und weit darüber hinaus. Bis zum Beispiel in Azem Maksutajs Thaiboxschule in Winterthur. (bu)

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